Der neue Ampel-Trick von Nestlé, Coca-Cola und Co.

Die Lebensmittel-Ampel ist zurück – und hat eine überraschende Fürsprecherin gefunden: die Lebensmittelindustrie. Nachdem die Konzerne jahrelang erbittert gegen eine farbliche Nährwert-Kennzeichnung kämpften, wollen Nestlé, Coca-Cola und Co. nun eine EU-weite Ampelkennzeichnung nach eigenem Modell einführen. Der Haken? Die Kriterien sind viel zu lasch, die Industrie-Ampel lässt Produkte gesünder aussehen, als sie sind.

So trickst die Industrie-Ampel!

Hallo und guten Tag,

das muss einen stutzig machen: Nestlé, Coca-Cola und Co. sprechen sich plötzlich für die Lebensmittel-Ampel aus. Ja, Sie haben richtig gelesen. Die Lebensmittelkonzerne Coca-Cola, Mars, Mondelez, Nestlé, PepsiCo und Unilever haben kürzlich ihre genauen Pläne für ein eigenes Ampel-Modell vorgestellt, mit dem Nährwerte wie Zucker, Fett und Salz auf der Packung farblich gekennzeichnet werden sollen. Dabei hatte noch im Jahr 2010 die Lebensmittelwirtschaft mit einer beispiellosen Lobbykampagne erfolgreich eine EU-weit verbindliche Ampelkennzeichnung verhindert.

Und jetzt dieser Richtungswechsel? Ein Grund für Freudensprünge im foodwatch-Büro? Leider nein. Denn wir haben die neue Industrie-Ampel einmal genauer unter die Lupe genommen. Und siehe da: Selbst bei Süßigkeiten wie Nutella und fettig-salzigen Snacks wie Tuc-Crackern würde das Ampel-Modell der Lebensmittellobby nicht auf “Rot” springen!

05.01.2018

So trickst die Industrie-Ampel

Fotogalerie (8 Bilder)
Nutella ist nicht gesund, das weiß jedes Kind. Oder nicht? Keine einzige Ampel zeigt bei der neuen Nährwert-Ampel der Lebensmittelindustrie Rot – dabei besteht das Produkt zu mehr als der Hälfte aus Zucker und zu knapp einem Drittel aus Fett. Erst wenn ein Aufstrich wie Nutella mehr als 90 Prozent Zucker enthält, würde die Industrie-Ampel von Gelb auf Rot umschlagen!
Die „Original Tuc Cracker“ der Firma Mondelez bekämen mit der Original-Ampel der britischen Lebensmittelbehörde FSA zwei rote Ampeln für einen hohen Gehalt an gesättigten Fetten und Salz. Nicht aber mit der neuen Ampel, welche die sechs großen Lebensmittelkonzerne in Europa, darunter Mondelez, planen.
Der Schokoriegel „Lion“ von Nestlé ist eine echte Kalorienbombe: Die Original-Ampel der britischen Lebensmittelbehörde FSA gibt dem Produkt drei rote Ampeln für zu viel Fett, gesättigte Fette und Zucker. Käme die Industrie-Ampel, dann würden gleich zwei rote Ampeln wegfallen.
Die „Funny-frisch Chipsfrisch ungarisch“ enthalten besonders viel Fett und Salz. Doch mit der neuen Industrie-Ampel gäbe es dafür trotzdem keine roten Ampeln. Der Grund: Die Ampel der Lebensmittelkonzerne orientiert die Umschlagswerte an Mini-Portionsgrößen statt an 100 Gramm.
Die Frühstückskekse von Belvita machen auf gesund, aber haben vor allem viel zu viel Zucker. Mit der Original-Ampel der Lebensmittelbehörde FSA gibt es für dafür ganz klar eine rote Ampel. Mit der Industrie-Ampel hingegen nur eine orangene.
Der Frischkäse „Philadelphia Balance Gurke Feta“ von Mondelez besitzt besonders viel gesättigte Fette. Doch nur mit der Original-Ampel der britischen Lebensmittelbehörde FSA bekäme das Produkt dafür eine rote Ampel. Die Industrie-Ampel berechnet den Umschlagswert von „Gelb“ auf „Rot“ nach Portionen und nicht nach 100 Gramm.
Die Margarine „Becel Classic“ von Unilever besitzt besonders viel Fett und gesättigte Fettsäuren. Aber das erkennt man auf einem Blick nur mit der Original-Ampel der britischen Lebensmittelbehörde FSA.
Vor dem hohen Zuckergehalt in Nestlés Cini Minis warnt die Original-Ampel mit einer roten Ampel. Würde die Lebensmittelindustrie mit ihrem neuen Vorschlag durchkommen, würde auf den zimtigen Frühstücksflocken hingegen keine rote Ampel stehen.

Denn die Industrie rechnet sich ihre Produkte gesünder. Ihr Trick: Die Original-Ampel berechnet die Ampelfarbe auf Grundlage von einheitlich 100 Gramm. Im Gegensatz dazu berechnet die Industrie-Ampel die Farbgebung auf Basis von Portionsgrößen. Das Resultat: Nutella, das zu fast 90 Prozent aus Zucker und Fett mit einem hohen Anteil gesättigter Fettsäuren besteht, bekäme in der Original-Ampel drei rote Punkte – in der Industrie-Ampel aber – Sie ahnen es – keinen einzigen mehr! Ähnlich bei den Nesquik-Frühstücksflocken von Nestlé: Auch hier würde durch das Industrie-Modell die rote Ampel für den hohen Zuckergehalt verschwinden.

Was für ein fieses Lobby-Manöver: Nestlé, Coke & Co. kapern die eigentlich sinnvolle Idee einer verbraucherfreundlichen Nährwertkennzeichnung und führen sie mit ihrer Pseudo-Ampel ad absurdum: Anstatt Zuckerbomben und fettige Snacks zu entlarven, lässt die Industrie-Ampel die Produkte gesünder aussehen, als sie es in Wahrheit sind. Es steht zu befürchten, dass die Konzerne damit durchkommen – und gesetzliche Vorgaben für eine verbraucherfreundliche Lebensmittel-Kennzeichnung verhindert werden.

Mit ihrer neuen Initiative präsentieren sich die Lebensmittelriesen als Teil der Lösung – doch in Wahrheit sind sie Kern des Problems. Denn irreführende Nährwertangaben tragen ihren Teil dazu bei, dass Fehlernährung weit verbreitet ist – und mehr als die Hälfte der Erwachsenen sowie etwa jedes fünfte Schulkind in der EU übergewichtig oder sogar fettleibig sind.

Damit Verbraucherinnen und Verbraucher die Nährwerte von Produkten im Supermarkt auf einen Blick vergleichen können, wird foodwatch auch weiter für die echte Lebensmittelampel kämpfen – für eine Ampel, die von unabhängigen Expertinnen und Experten und nicht von der Industrie selbst entworfen wurde!

Herzliche Grüße

Ihr foodwatch-Team

P.S.: Die Ampel ist nur ein Beispiel. Ob es um bessere Tierhaltung geht, den Schutz vor Gesundheitsgefahren und Täuschung, um transparente Kennzeichnung – zahlreiche Verbesserungen werden von der Industrielobby bekämpft oder in ihr Gegenteil verkehrt. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass wir Verbraucherinnen und Verbraucher uns zusammentun und dagegen halten. Seien Sie dabei – werden Sie jetzt Mitglied von foodwatch:

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Quelle: Foodwatch

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